Workcamp in Ägypten – Ein Land neu erleben
Zwischen Müllviertel und Touristenattraktion
Vom 02. – 15.04.2007
Informationen zu den erwähnten Projekten gibt es bei Nûr el Hayyah und YALLA e.V..
Eine Reise in ein fremdes Land, um es durch die Arbeit und das Zusammenleben mit den Einheimischen entdecken zu können. Dies war das Ziel einer Gruppe von sechs Jugendlichen, zwei erwachsenen Teamleitern und einem Profifotografen. In den Osterferien machten sie sich für 14 Tage auf nach Ägypten, um dort im Rahmen eines Workcamps einen kleinen Einblick in die Welt des Orients zu erhaschen. Organisiert wurde die Reise vom Evangelischen Jugendwerk, Böblingen, in Zusammenarbeit mit den Vereinen Yalla e.V.(arabisch:"Auf geht's") und Nûr El Hayyah e.V. (arabisch: "Licht des Lebens"), beides Vereine, die sich über Hilfsprojekte für die Selbsthilfe der Ägypter einsetzen und eng zusammenarbeiten.
Durch verschiedene Vortreffen wurden wir auf unseren Trip vorbereitet. Doch schon während der ersten Tage unseres Aufenthalts in dieser fremden Welt wurde uns bewusst, dass man Ägypten erleben muss, um das Land zu verstehen.
Der Flughafen in Kairo ist nach westlichen Standards gebaut und klimatisiert, aber kaum verließen wir das Gebäude schlug uns die dicke, schwüle Smogluft der Strasse entgegen. Das Ziel unserer Reise stand fest: wir wollten dem Land und seinen Menschen begegnen und einen Blick hinter die „Touristenkulisse„ werfen.
Untergebracht waren wir in einer Pension in der Innenstadt.
Der Lärm der hupenden Autos, die vollen Straßen in ihrer Enge und ihrem rußigen Gestank und die Aufmerksamkeit, welche wir Europäer auf uns zogen, waren Dinge, denen wir uns schon am ersten Abend nicht entziehen konnten. Natürlich besichtigten wir in am darauf folgenden Tag die Pyramiden, aber wir fühlten uns dort, zwischen all den Touristen, nicht besonders wohl. Wir waren darauf aus, jene Orte zu sehen, welche in den Reiseführen großzügig ausgelassen werden.
In den Müllvierteln erlebten wir ein anderes Ägypten. Alles wirkte in seiner Fremdheit intensiver. Die Menschen dort und ihr Leben faszinierten uns viel mehr, als das Weltwunder, vor dem wir wenige Stunden zuvor gestanden hatten. Nachdem wir uns in Ägypten akklimatisiert hatten, kamen wir zu unserem wichtigsten und schönsten Urlaubsteil. Wir lernten eine Gruppe von 12 Waisenkindern kennen, die schon über einen längeren Zeitraum von Yalla e.V. unterstützt werden. Die Jungen waren sehr offen und machten uns schon unseren ersten Besuch sehr einfach. Sie haben das Glück zu zwölft relativ viel Platz im Heim zu haben.
Das Viertel, in dem die Jungen ihr zu Hause haben, ist sehr lebendig: scheue Katzen und Kinder springen durch die Gegend, Straßenverkäufer sind bestrebt, die Berge von farbenfrohem Obst und Gemüse auf ihren Holzkarren zu verkaufen.
Ab und zu kommt uns ein Brotverkäufer entgegen, der eine große Palette voller Brote auf dem Kopf balanciert und trotz unebener Straßen keinen einzigen Laib fallen lässt. Die Straßenränder sind gesäumt von Cafés, in denen die ägyptischen Männer Schwarztee trinkend und Wasserpfeife rauchend ein gemütliches Pläuschchen einlegen.
Einen Tag nach dem ersten Kennen lernen machten wir uns mit den Kindern und zwei Betreuerinnen des Heims auf zu einem Ausflug in den Al Azhr Park, der mit seinen gepflegten, üppigen Beeten in merkwürdigem Kontrast zu dem staubigen, eintönigen Stadtbild Kairos steht. Dort ist wunderbar viel Platz zum Herumtollen und wir Europäer wurden von anderen ägyptischen Kindern interessiert beobachtet.
Wenige Tage später fuhren wir dann mit den Jungen auf die Halbinsel Sinai in ein Camp direkt am Strand. Die Verständigung war teils schwierig, klappte aber mit Hilfe von Händen und Füßen und den paar Brocken Arabisch, die wir uns angeeignet hatten, recht gut. Die Jungen liebten das Baden im Meer und auch wenn die Lippen schon dunkellila angelaufen waren und die Zähne fleißig klapperten, blieb es eine Herausforderung die Kinder zu überreden, die kühlen Fluten doch endlich zu verlassen. Wir studierten mit ihnen eine kleine Zirkusshow ein, die wir abends vor Publikum vorführten, gaben Englischunterricht, bastelten Gipsmasken und verbrachten drei spannende Tage zusammen.
Es war eine Zeit, die von strahlenden Augen geprägt war. Als die Kinder wieder zurück in ihren Alltag nach Kairo fuhren, waren wir uns nicht sicher, wer mehr von dieser Begegnung bereichert worden war. Unsere Truppe macht sich nun mit einem Linienbus auf in die Gebirgswüste im Nationalpark St. Katherin. Unweit vom St. Katharinen Kloster bezogen wir in dem Dorf El Melga ein einfaches Camp.
Am folgenden Tag lernten wir Selima kennen. Eine starke und für arabische Verhältnisse sehr emanzipierte Beduinenfrau, die mit ihrem Projekt Fan Sina 350 Beduinenfrauen zu einer Arbeit verhilft, indem sie den Verkauf von bestickten Taschen organisiert, welche die Frauen in mühsamer Handarbeit hergestellt haben.
Durch ihre Gehälter verschafft sie den Frauen nicht nur etwas mehr Unabhängigkeit, sondern auch einen angeseheneren Stand aus der Sicht der Männer. Nachmittags bestiegen wir mit vier Kamelen und Kamelführern den Mosesberg. Der Sonnenuntergang war unbeschreiblich schön: eine riesige, rote Scheibe versankt hinter den vielen schwarzgrauen Felsgipfeln und ließ die Bergwelt innerhalb von Minuten in einer atemberaubenden Kälte und Dämmerung zurück.
Der Himmel war sehr klar und ein überwältigender Sternenhimmel tat sich auf. Die folgenden Tage machte sich unsere Gruppe mit Selima per Jeep auf in die Beduinendörfer, wo sie die Frauen besuchte, um dort fertige Taschen abzuholen und neue Wolle, Stoff und Perlen zu liefern. Auf dem Weg machten wir Rast an einer Schule, spielten mit den Kindern Faulei und verteilten Kleidungsstücke und Spielsachen aus Deutschland, wobei wir ein ungutes, selbstherrliches Gefühl nicht abschütteln konnten. Wir, die reichen Geber aus Europa. So beschlossen wir, Selima, die unseren Gruppenleitern seit Jahren bekannt ist, am nächsten Tag alle Sachen zu übergeben, damit sie diese gerecht und unauffällig verteilen konnte. So fühlten wir uns viel wohler und hatten auch mehr Zeit für verschiedene Ballspiele mit den Kindern.
Anschließend besuchten wir Selimas Arbeitnehmerinnen in verschiedenen Dörfern mit kühlen Steinhäusern, knallbunten Wäscheleinen, provisorischen Ziegenställen aus Wellblech, Eseln, Kamelen, jungen Hunden, bis auf die Augen schwarz verschleierten Beduinenfrauen, schüchternen Kindern. Und trotz allem Traditionsbewusstsein und Einfachheit der Dörfer entdeckten wir immer mindestens eine Satellitenschüssel. Die Familien luden uns in ihrer Gastfreundschaft zu extrem süßem Tee und Mittagessen ein. Nach anfänglicher Scheu ließen sich auch hier die Kinder für kleinere Spiele begeistern, die wir ihnen beibrachten.
Schließlich gingen die Tage in der Wüste zu Ende und wir fuhren sieben Stunden mit dem Bus zurück nach Kairo.
Dort verbrachten wir die restliche Zeit damit, auf dem Bazar Khan El Khalili die vielen Waren zu bewundern und selbst Wasserpfeifen für zu Hause und eine kleine Bootsfahrt auf dem Nil zu erhandeln.
Ein letztes Mal gab es Kousherie, ein Nationalgericht der Ägypter aus Nudeln, Reis und Linsen mit Tomatensoße, welches zu unserem Lieblingsessen ernannt worden war.
Was uns bleibt, sind Eindrücke, die wir kaum in Worte fassen können:
Wir sahen das Strahlen der Kinder, die Landschaft in ihren starken Farben; und lernten das Leben der Ägypter und ihr Land aus einem anderen Blickwinkel auf intensive Weise kennen. Vor allem aber haben wir mit dieser Reise eine manchmal durch ihre Fremdheit vorverurteilte Kultur freier, ehrlicher und schöner erlebt, als wir es uns je hätten vorstellen können.
Masaalam Ägypten, wir kommen wieder!
Kathrin Geiger und Yvonne Waxenegger
Anhang von Ingrid Hamann:
Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus dem süddeutschen Raum, für jeden neue Gesichter: das war unser Team. Ägypten ist ein sehr schönes Land; sich darin so zu bewegen, dass man von der einfachen Bevölkerung respektiert wird und immer wieder willkommen ist, stellt allerdings eine Herausforderung dar. Jeder, besonders jedoch ein junger Mensch, muss sehr flexibel und offen sein, um die ägyptischen Traditionen zu akzeptieren und sich dementsprechend zu verhalten.
Dass diese Reise trotzdem zu einem unvergesslichen Erlebnis für uns alle wurde und wir auch den Waisenkindern von El Amal und den Beduinenkindern zu herrlichen Stunden/Tagen verhelfen konnten, lag zum Einen daran, dass wir uns einfach gut verstanden. Noch entscheidender war aber sicher, dass jeder Teilnehmer in der Lage war, seine eigenen Bedürfnisse hin und wieder zurückzustellen und einfach im Interesse der Gruppe bzw. der Kinder zu handeln. Zupackend, motiviert, gut gelaunt und bereit, Verantwortung zu übernehmen: so haben die Gruppenleiter die Gruppe erlebt. Ihr wart toll - bis bald!