Wie alle Präsidenten Ägyptens seit dem Sturz der Monarchie ist Hosni Mubarak ein ehemaliger Offizier, der die Kontinuität der ägyptischen Revolution verbürgt, die am 23. Juli 1952 mit dem Staatsstreich einer Gruppe von jungen Offizieren begann. Ein Militärregime im landläufigen Sinne herrscht in Ägypten schon lange nicht mehr.
Die von Gamal Abdel Nasser geführten "Freien Offiziere" waren in der "dunkelsten Phase der ägyptischen Geschichte" unter der direkten und später indirekten Herrschaft der Briten aufgewachsen, als sich zunehmend die Schattenseiten des Kolonialismus zeigten: Zwar war Ägypten durch den Baumwollexport unter britischer Regie zunächst wohlhabend geworden und hatte seine Schulden zahlen können. Seit den 20er Jahren machten sich dann jedoch die auf ein einziges Produkt ausgerichteten Wirtschaft immer negativer bemerkbar: Der Baumwollanbau hatte den Boden ausgelaugt; und während die Baumwollpreise stagnierten, stiegen die Preise für die Industrieprodukte, die Ägypten importieren mußte. Da eine rechtzeitige Industrialisierung von den Briten verhindert worden war, fehlten Arbeitsplätze, als die Bevölkerung immer schneller zu wachsen begann. Die Ansätze zu einer Industrialisierung seit den 30er Jahren reichten kaum, die Probleme zu vermindern.
Bis 1952 hatten Überbevölkerung, Landflucht, Arbeitslosigkeit und extreme Einkommens- und Vermögensunterschiede das Elend der Landbevölkerung und der städtischen Unter- schichten unerträglich verschärft. Korruption in Regierung, Verwaltung und Armee- führung, ausschweifender Luxus am Hof König Faruks, aber auch gewaltsame Demonstrationen und politische Morde zeigten die Polarisierung der Gesellschaft. Nur eine Revolution konnte nach Ansicht der Offiziere Ägypten erneuern.
Es gelang den "Freien Offizieren" schnell, alte Machtstrukturen im Inneren zu zerschlagen und mit dem Truppenabzug der Briten auch die Unabhängigkeit nach außen zu sichern. Später erweiterte das Regime noch seine Handlungsspielräume durch die schrittweise Verstaatlichung des modernen Sektors der Wirtschaft, insbesondere der Industrie.
Mit Landverteilungen an Bauern und umfangreichen Investitionen in das Erziehungs- und Gesundheitswesen begann nach der politischen die soziale Revolution. Diese konnte letztlich die Lebensbedingungen der breiten Masse nur verbessern, wenn auch die landwirtschaftliche Produktivität gesteigert, neues Land gewonnen und eine leistungsfähige Industrie aufgebaut wurden.
Nur an Ägyptens Bedürfnissen orientiert, wollten die Freien Offiziere diese Ziele ohne neue Abhängigkeit von fremden Mächten erreichen. Für eine entsprechende Entwicklungsplanung holten sie sich die besten Experten aus West und Ost. In West und Ost bemühte sich Nasser auch um die notwendige Entwicklungshilfe, denn viele Vorhaben überstiegen Ägyptens Finanzkraft - nicht zuletzt ehrgeizige Großprojekte wie das Eisen- und Stahlwerk in Heluan oder der Assuan-Hochdamm.
Außenpolitisch sicherte Nasser seine Entwicklungsstrategie mit einer Politik des "positiven Neutralismus" ab, die er gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Nehru und Jugoslawiens Staatschef Tito entwickelte. Sein Ansehen in der Bewegung der Blockfreien, große außenpolitische Erfolge (etwa 1956 in der Suez-Krise) und sein Engangement für die Ziele des Pan-Arabismus machten Nasser zur beherrschenden Figur der arabischen Politik der 60er Jahre. Sein Erfolg machte zugleich auch das ägyptische Entwicklungsmodell für andere Staaten attraktiv.
Struktur- und Finanzprobleme brachten Ägypten in zunehmende Schwierigkeiten, besonders nachdem sich die USA und andere westliche Länder wegen der unabhängigen Außenpolitik Nassers abgewandt hatten. Nach der katastrophalen Niederlage im Juni-Krieg 1967 gegen Israel wurden die Handlungsspielräume noch enger: Ägypten geriet in eine immer einseitigere wirtschaftliche, militärische und politische Abhängigkeit von der Sowjetunion, weil nur diese bereit schien, Ägypten zu helfen.
Nasser ist es letztlich nicht gelungen, die Abhängigkeit und Unterentwicklung Ägyptens zu überwinden. Aber wenn auch die soziale Revolution unvollendet blieb, hat Nasser den Ägyptern doch ein Gefühl der Würde gegeben und erstmals auch das Gefühl, daß soziale Gerechtigkeit für alle ein konkretes politisches Ziel sein kann.
Heute erscheint vielen Ägyptern, besonders der jüngeren Generation, der "Nasserismus" als eine Phase politischer Unfreiheit und wirtschaftlichen Mangels. Diese Kritiker vergessen aber, daß die meisten von ihnen den eigenen sozialen Aufstieg dem massiven Ausbau des Erziehungswesens und der Arbeitsplatzgarantie der Nasser-Zeit verdanken. War unmittelbar nach der Revolution noch die Frage ein Problem, wie man die Mehrzahl der barfuß gehenden Ägypter mit Plastiksandalen versorgen könne, schien 18 Jahre später die Unzulänglichkeit des Telefonnetzes das vordringlichste Problem in Kairo.
Nach Nassers Tod 1970 wurde mit Anwar El-Sadat ein anderes Mitglied des Revolutionsrates von 1952 Präsident. In wenigen Jahren gelang es Sadat, die Abhängigkeit von der Sowjetunion zu lösen und Israel nach einem weiteren Krieg im Oktober 1973 zu Konzessionen am Verhandlungstisch zu bringen. Durch eine "Politik der Öffnung" nach Westen holte er umfangreiche Kapitalhilfe und Privatinvestitionen ins Land und regte dadurch die stagnierende Wirtschaft an. Die wirtschaftliche Öffnung wurde durch innenpolitische Liberalisierung abgestützt: Eine gelockerte Pressezensur ermöglichte mehr Meinungsvielfalt; und 1976 fanden halbwegs freie Wahlen statt, nach denen auch wieder Parteien zugelassen wurden.
Die Ergebnisse der "Öffnungspolitik" waren jedoch zwiespältig: Ägypten importierte dreimal soviel, wie es exportierte, weil jeder versuchte, die in mageren Jahren aufgestauten Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Spekulationen und kurzfristig profitable Investitionen ermöglichten riesige Gewinne, die in kurzer Zeit eine Schicht von neureichen "Fetten Katzen" entstehen ließ. Den Preis für die damit ausgelöste Inflation bezahlte die breite Masse mit realen Einkommenseinbußen.
Die Ziele der Revolution und einer arabisch-sozialistischen Gesellschaft wurden offiziell nie aufgegeben. In der Praxis jedoch begünstigte die "Öffnungspolitik" nur wenige, so daß die Abkehr vom nasseristischen Modell die soziale Ungleichheit wieder sichtbar wachsen ließ.
Während in den folgenden Jahren das internationale Ansehen Sadats mit seiner Friedenspolitik zunahm, wuchs im Inneren die Opposition. Nur ein Frieden mit Israel konnte Ägypten von den ständigen Kriegsbelastungen befreien und das Vertrauen ausländischer Investoren wiederherstellen. Sadats Kritiker, insbesondere gläubige Muslime, konnten jedoch nicht begreifen, daß er sich in der arabisch-islamischen Welt isolierte, um mit Israel Frieden zu schließen - einem Land, gegen das kurz zuvor noch ein "Heiliger Krieg" geführt worden war und das weiterhin islamisches Land besetzt hielt. Bei einer Parade zur Erinnerung an den Sieg in diesem Krieg wurde Sadat am 6. Oktober 1981 von religiösen Fanatikern ermordet.
Präsident Mubarak hat nach seinem Amtsantritt versucht, die von der "Öffnungspolitik" verursachten akuten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme abzumildern. Schon bald wurden die meisten der religiösen und politischen Oppositionellen, die Sadat in seinen letzten Monaten hatte verhaften lassen, aus den Gefängnissen entlassen; die Presse konnte wieder freier berichten; Importbeschränkungen für Luxusgüter und Korruptions- prozesse zeigten, daß Mubarak den Einfluß der "neuen Klasse" einzuschränken versuchte.
Auch Mubarak bekennt sich zu den Zielen von 1952, die er durch eine Verbindung der Entwicklungsstrategien seiner Vorgänger verwirklichen will. In der praktischen Umsetzung scheint es jedoch bis heute nicht gelungen, wirklich tiefgreifende Reformen zur Lösung der Strukturprobleme der ägyptischen Gesellschaft einzuleiten und überzeugende Perspektiven für die Entwicklung des Landes aufzuzeigen.