Das heutige Ägypten

 

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Kairo - eine faszinierende Stadt zwischen Lebensfreude und Chaos

Kairo ist Afrikas größte Metropole und vielleicht auch die wichtigste. - Sie hat eine zentrale Bedeutung für den afro-asiatischen Islam. Zitat aus 1001-Nacht: "Wer die Stadt Kairo nicht gesehen, hat die Welt nicht gesehen. Ihre Erde ist Gold, der Nil ist ein Wunder, ihre Frauen sind wie die schwarzäugigen Jungfrauen des Paradieses, ihre Häuser sind Paläste, ihre Luft ist weich und süß, duftend wie Aloeholz. - Wie könnte Kairo anders sein, ist es doch die Mutter der Welt."

El-Qahira, die "Siegreiche", nannte ihr Gründer die Stadt nach dem Planeten Mars (el-Qahir).

Für die Ägypter selbst ist die Metropole noch immer die "Mutter aller Städte". Kairo ist der Inbegriff für orientalischen Zauber, Exotik des bunten Gewimmel in Souks und Gassen und vor allem ein Gewirr von Gegensätzen. Einige wenige Menschen sind sehr reich und mächtig. Das im Ausland angelegte Geld betrug (oder beträgt) laut Handelsblatt vom 11.11.1988 mehr als die gesamten Staatsschulden. Im modernen Stadtzentrum am Nil reihen sich die großen internationalen Hotels - Touristen gehören dort zum Stadtbild.

Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die meisten Ägypter sich täglich dem Kampf ums Überleben stellen müssen. Oft muss sich eine ganze Familie ein Zimmer teilen, manchmal sogar nur ein einziges Bett - einige der Kinder schlafen mit den Eltern oben im Bett, die übrigen auf Matten darunter.

Kairo droht in ihrer Einwohnerflut zu ersticken. Niemand weiß genau, wie viele Menschen im Großraum Kairo, die Schätzungen liegen bei 16,5 Mio. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte in Kairo beträgt etwa 27.000 Einwohner pro Quadratkilometer (Stand 1999). In manchen total übervölkerten Stadtteilen Kairos entspricht sie einem voll besetzten Olympiastadion (90.000) mit 20.000 Menschen dicht gedrängt auf dem Gelände davor.

 

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Wohnen in der Totenstadt

Im Osten Kairos erstreckt sich die in der islamischen Welt einmalige Totenstadt, in jener die Sultane der Mamluken neben herrlichen Grabmoscheen und Mausoleen auch Wohnhäuser für Grabbesucher und Familienangehörige sowie Unterkünfte für Mitglieder religiöser Orden anlegen ließen. Es scheint, dass sich hier in der engen Verbindung zwischen Lebenden und Toten die Tradition des altägyptischen Totenkults fortgesetzt hat.

Heute deuten Fernsehantennen über Grabbauten oder auch einmal eine Wäscheleine zwischen Grabsteinen auf ein ungestörtes Verhältnis zu den Toten hin: Etwa 250.000 Menschen haben sich mit Häusern, Läden und Werkstätten eingerichtet zwischen Kuppelbauten und einfachen Gräbern. Was in den 20er Jahren als "illegale Besetzung" begann, ist heute ein dicht besiedeltes Armenviertel, das längst an die Wasser- und Stromversorgung angeschlossen ist.

Mit ihren gewachsenen Strukturen ist die Totenstadt heute angesichts der Wohnungsnot in Kairo keinesfalls das schlechteste Wohnviertel. Trotz allen Problemen der Millionenstadt lohnt es sich Kairo zu besuchen, denn wer Kairo nicht kennt, kann Ägypten nicht verstehen.

 

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Immer mehr Menschen auf weniger Land

Die Grenze zwischen grünem Niltal und Wüste ist sehr krass und sieht vom Flugzeug aus wie eine scharf gezogene Linie.

Ägyptens Fläche ist mit etwa 1 Mio. km² zwar knapp 3mal so groß wie die Fläche der BRD, aber nur 3,5 % der Fläche, ca. 35.000 km², bilden das bewohnbare Kultur- und Siedlungsland. Auf diesem Gebiet von der Größe Baden-Württembergs, drängt sich eine Bevölkerung von über 67 Mio. Menschen - mehr als 6mal so viele wie in Baden-Württemberg leben. Die Bevölkerung hat sich in weniger als 30 Jahren verdoppelt und nimmt alle zehn Monate um eine weitere Million zu. 36 % der Bevölkerung sind jünger als 14 Jahre; 61 % sind älter als 14 und jünger als 65 Jahre.

Der ägyptische Staat bemüht sich schon seit Jahrzehnten um eine Geburtenkontrolle durch Aufklärung und kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln. Aufgrund der Traditionen ist ein Durchbruch jedoch äußerst schwierig. Nach der offiziellen Bevölkerungswachstumsrate von 1,82 % im Jahre 1999 scheint sich nun ein gewisser Erfolg abzuzeichnen. In den 80er und 90er Jahren lag das Bevölkerungswachstum nach bei ca. 2,5 %.

Das Wachstum des Fruchtlandes kann mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten. Darüber hinaus sind die Produktionsmittel und -methoden völlig veraltet. Nassers Agrarpolitik ab 1952 hat zwar die Erntefläche um ein Fünftel vergrößert und die katastrophale Lage der ländlichen Bevölkerung verbessert; sie hat allerdings auch viele Probleme offen gelassen. Sadats Öffnungspolitik vernachlässigte die Landwirtschaft stark. Die Agrarinvestitionen sanken rapide, und die Neulandgewinnung beschränkte sich meist auf kostspielige Prestigeprojekte wie die Erschließung von Land entlang der Wüstenstraße von Kairo zum Suezkanal. Während die Erntefläche nur geringfügig wuchs, gingen gleichzeitig 20 % des wertvollen Fruchtlandes verloren, das ohnehin nur 2,5 % der Gesamtfläche ausmacht, weil der Boden unkontrolliert in Bauland für Wohnungsbau, Gewerbebetriebe und Straßenbau umgewandelt und die Erde für die Ziegelfabrikation abgetragen wurde. Ab Mitte der 70er Jahre führte Ägypten erstmals mehr Agrarprodukte ein als aus und 1987 musste es sogar 36 % der Nahrungsmittel einführen. In den letzten Jahren wurden die staatlich festgesetzten Agrarpreise erhöht bzw. aufgehoben, um die Bauern zu Produktionssteigerungen zu motivieren.

Inzwischen versucht die Regierung, neue Städte und Wirtschaftszentren in der Wüste für eine große Zahl von Menschen attraktiv zu machen. Damit soll weiterer Verlust an Ackerland und der Bevölkerungszuwachs in Kairo aufgehalten werden. Bei einer kaum vorstellbaren Dichte von über 1.500 Einwohnern/km² können nicht alle in der Landwirtschaft beschäftigt werden. Lange blieb verarmten Bauern nur der traditionelle Fluchtweg in die großen Städte, der aufgrund der geographischen Verhältnisse Ägyptens die Probleme verschärfte:

Während sich in anderen Entwicklungsländern am Rand der großen Städte die Elendshütten aus Wellblech oder Pappe kilometerweit ins Umland erstrecken, drängen die Zuwanderer in Ägypten ins Zentrum der Städte. Die Bauern dulden auf den wertvollen, fruchtbaren Feldern keine Elendsquartiere und in der Wüste finden die Zuwanderer kein Wasser. Die Konzentration der Bevölkerung in den ärmeren Stadtvierteln von Kairo und Alexandria schafft Versorgungsprobleme: Nahrungsmittel, Be- und Entwässerung, Energie, Gesundheitsfürsorge, Arbeitsplätze, Schulen ...

Seit dem Ölboom der 70er Jahre erlebt das ägyptische Dorf jedoch ein neues Phänomen: die Arbeitskräftewanderung ins Ausland, besonders in die Golfstaaten. Die etwa eine Million vom Land kommenden Gastarbeiter verbessern mit ihren Überweisungen aus dem Ausland den Lebensstandard auf dem Lande. Die Migration brachte aber auch Nachteile: Vor allem in Saisonzeiten werden die Arbeitskräfte in einigen Gebieten knapp.

 

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Aisch meint Brot und Leben

Im flackernden Schein ihrer Petroleumlampen bieten Obsthändler vor der Brotfabrik in Mit Oqba ihre zu Pyramiden gestapelten Orangen, Mandarinen und Honigmelonen an. Doch nicht ihnen gilt das Interesse der zahlreichen Männer, Frauen und Kinder, die sich nach Geschlechtern getrennt vor mehreren kleinen Fenstern in Schlangen angestellt haben. Es sind das frische und noch warme Brot, das hier in mehreren Sorten angeboten wird sowie die beliebten süßen Ramadan-Spezialitäten Baklawa und Konafa. Für viele der hier geduldig Wartenden hängt das Wohlergehen ihrer Familien vom stark subventionierten Brotpreis ab.

Der Anstieg der Inflationsrate auf 25 bis 30 % beeinträchtigte den Lebensstandard der Masse der kleineren und mittleren Einkommensbezieher. Insbesondere im Staatsdienst sind die Gehälter so niedrig, daß viele auf eine Zweit- oder Drittarbeit angewiesen sind, um das Existenzminimum für ihre Familie zu sichern. Allerdings subventioniert der Staat Grundnahrungsmittel und andere Güter des Massenkonsums mit fast zwei Milliarden Pfund pro Jahr. Dies entspricht etwa den jährlichen Einnahmen aus den Suezkanal- gebühren. Dafür kostet das unentbehrliche Fladenbrot dann auch nur 2 bis 5 Piaster (1 bis 3  Pfennig).

Farid, 42, verdient als Übersetzer im Justizministerium 122 Pfund im Monat: "Ich muß eine vierköpfige Familie ernähren. Vor Jahren kostete uns das Brot 10 Pfund, aber da es hier in der Nähe keine Bäckerei gibt, die das 2-Piaster-Brot anbietet, sind unsere Ausgaben für Brot auf 25 Pfund im Monat gestiegen. Wie kann ich bei meinem Gehalt 25 Pfund allein für Brot ausgeben und gleichzeitig für alle anderen täglich anfallenden Kosten aufkommen?
Mahmud, 52, arbeitet seit 25 Jahren als Pförtner im Staatsdienst - mit einem Gehalt von 90 Pfund monatlich. Um für sich, seine Frau und die vier Kinder zu sorgen, war Mahmud immer gezwungen, einer zusätzlichen Beschäftigung nachzugehen. Doch auch sein doppeltes Einkommen reicht of kaum für das Allernötigste: "Das Leben wird ständig teurer. Nicht nur die Rechnungen für Strom, auch die Kosten für Kleidung, Transport und die Ausbildung der Kinder. Die Preise für Obst und Gemüse haben sich verdoppelt, und Fleisch ist für uns bei Preisen zwischen 8 und 12 LE/kg fast unbezahlbar geworden."

Mit dem Ziel, das hohe Haushaltsdefizit zu vermindern, hat der Internationale Währungsfond (IWF) während der Umschuldungsverhandlungen von der ägyptischen Regierung wiederholt einschneidende Kürzungen bei den Nahrungsmittelsubventionen gefordert. Aber die Verantwortlichen halten dem entgegen, daß ein Ausgleich zwischen ökonomischen und sozialen Notwendigkeiten gefunden werden muß, der den sozialen Frieden nicht gefährdet. Farid und Mahmud wissen jedenfalls nicht, wie sie ohne die subventionierten Nahrungsmittel ihre Familien ernähren sollen. "Das tägliche Leben hat ohnehin schon die Schmerzgrenze erreicht", sagt Mahmud. "Ich wage mir nicht vorzustellen, was passiert, wenn sie die Subventionen streichen."

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Die Rolle der Frau im heutigen Ägypten

Wer vor zwanzig Jahren schon einmal das Land am Nil besucht hat, wird sich heute ziemlich verwundert umsehen: Viele, vor allem junge, Frauen tragen wieder "islamische Kleidung", allerdings in neuer Form: knöchellangen Rock, hoch- geschlossenes Oberteil und eine Kopfbedeckung, die nur das Gesichtsoval freilässt und als Verschleierung gilt. Diese Entwicklung scheint zunächst unfassbar in einem Land, dessen Frauenbewegung Anfang dieses Jahrhunderts richtungsweisend im arabischen Raum war: Im Jahre 1919 fand die erste Frauendemonstration statt, und 1928 schrieben sich erstmals Studentinnen an der Universität Kairo ein. Die wichtigsten Forderungen jener Tage waren das Recht auf Bildung, die Verbesserung der sozialen Situation, die Anhebung des Heiratsalters auf mindestens 16 Jahre, die Abschaffung der Polygamie und das Wahlrecht.

Als Hoda Sharawi, bedeutendste arabische Frauenrechtlerin, 1923 den Gesichtsschleier ablegte, protestierte sie damit gegen gesellschaftliche Strukturen, die Frauen aus dem öffentlichen Leben ausschlossen. Als junge Frauen, vor allem der unteren Mittelschicht, in den 70er Jahren erneut zum Schleier griffen, geschah dies ebenfalls aus Protest - gegen eine Gesellschaft, die sich kulturell und politisch vom Westen überfremden ließ. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen, soziale Missstände und politische Abhängigkeiten wurden dem massiven westlichen Einfluss in Ägypten angelastet. Deshalb befürworten viele Frauen die islamische Bewegung als eine der eigenen Kultur angepasste Alternative. Sie demonstrierten ihre Haltung auch äußerlich durch die Abkehr vom westlichen Frauenbild.
Dieser Schritt bedeutet sicher nicht die freiwillige Rückkehr zum Harem. Ägypten wäre ein anderes Land ohne seine selbstbewusst in der Öffentlichkeit auftretenden Frauen. Gerade weil immer mehr Frauen durch Studium und Beruf das Haus verlassen haben und "sichtbar" geworden sind, wurde eine ehrenhafte Kleidung nötig. Mit einem solchen Äußeren signalisieren sie, dass sie die islamischen Gesetze achten und dementsprechend Respekt erwarten.

Nur bedingt allerdings zeigt die Berufstätigkeit von Frauen den Grad ihrer Emanzipation an. Meist sind es ökonomische Gründe, die sie in den letzten Jahren verstärkt dazu zwingen. Nach offiziellen Statistiken sind etwa 15 % aller Erwerbpersonen Frauen. In diese Berechnungen fließt jedoch ihre unbezahlte Arbeit in der Landwirtschaft und im informellen Dienstleistungssektor nicht ein. Inzwischen ist Frauenarbeit gesellschaftlich selbst in den städtischen Unterschichten akzeptiert, wo sie lange als Schande galt und den Mann in seiner Rolle als Ernährer beleidigte.
Seit den Anfängen der Frauenbewegung galt "Bildung" als Schlüsselwort für die Emanzipation der Frau. Aber nicht einmal die ernsthaften Anstrengungen in der Nasser-Zeit konnten grundsätzlich etwas daran ändern, dass Mädchen und besonders jene aus ländlichen Gebieten schwer benachteiligt sind. Viele Eltern halten auch heute noch wenig vom Schulbesuch ihrer Töchter.
Ein Hauptziel früherer Feministinnen, die Abschaffung der Polygamie, ist bis heute nicht erreicht. Die Ehe mit mehr als einer Frau ist allerdings fast nur noch in den unteren sozialen Schichten zu finden. Der Anteil polygamer Verbindungen beträgt zwar gegenwärtig nur etwa 5 % aller Ehen, die Tendenz steigt jedoch, seit sich immer häufiger Männer, die für einen längeren Zeitraum in der Stadt oder im Ausland arbeiten, eine Zweitfrau leisten.
Mit ihrem Bekenntnis zu islamischen Werten haben gerade kritische Frauen ein wichtiges Zeichen gesetzt. Mittlerweile ist die islamistische Bewegung jedoch zu einem Machtfaktor geworden und hat eine Dynamik entwickelt, die sich zunehmend gegen Frauen richtet: Wo traditionelle Kleidung anfangs dem neuen Selbstverständnis vieler Frauen entsprach, ist nunmehr gesellschaftlicher Druck daraus geworden. Opportunistisch präsentieren sich selbst Frauen der Oberschicht in orientalischer Eleganz. Im Parlament wurden die 30 speziell für Frauen reservierten Parlamentssitze wieder abgeschafft; an einigen Universitäten finden die Vorlesungen für Studentinnen in gesonderten Hörsälen statt... Viele Ägypterinnen blicken verunsichert in die Zukunft.

Nawal El-Saadawi , 1933 in einem Dorf am Nil geboren, war als Hebamme, dann als Ärztin tätig und von 1965 bis 1982 Direktorin des Gesundheitsamtes in Kairo. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches „Frauen und Sexualität" wurde sie ihres Amtes enthoben. Ihre Schriften kamen auf den Index. 1981 war sie kurze Zeit in Haft, 1991 wurde die ägyptische Sektion der von ihr mitbegründeten „Arab Women Association" verboten.

"Die Doppelbödigkeit der Normen und moralischen Wertungen ist typisch für die heutige arabische Gesellschaft. Einerseits: eine Unzahl von Filmen, deren Erfolg allein darin beruht, dass sie durch Nacktheit, obszöne Tänze und verdeckte Pornographie sexuelle Erregung versprechen; andererseits: ein groß angelegter religiöser Propaganda-Feldzug, als dessen Folge wieder viele junge Ägypterinnen den Schleier tragen."

 

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