Die Pyramiden zählen heute noch zu den Weltwundern. Die vielen Gräber mit ihren Reliefs und die imposanten Tempel aus pharaonischen Zeiten gehören zu den bekanntesten Denkmälern einer untergegangenen Kultur. Der Nil mit seinen Segelbooten (Feluka), Inseln und Dörfern ist der wichtigste Teil des Landes - die Mutter der ägyptischen Kultur.
Der Nil und die Sonne beeinflußten ganz wesentlich die Vorstellung von Tod und Wiedergeburt: Die Sonne, die jeden Abend am westlichen Horizont unterging "erwachte" jeden Morgen im Osten aufs Neue; Der Fluß war nach dem "Austrocknen" der Erde unverkennbar für das Sprießen oder die "Wiedergeburt" der Erde verantwortlich. So unausweichlich wie die Sonne jeden Morgen und die Flut jedes Jahr wiederkamen, so glaubte man, würde auch der Mensch nach seinem Tod wieder leben. Der Glaube an die Wiedergeburt entstand nach dem Vorbild des ewig gleichbleibenden Kreislaufs der Natur (altägyptische Jenseitsvorstellungen).
Thinitenzeit (ca.3000 - 2635 v.Chr.)
Die lange Geschichte des Ägyptischen Reiches beginnt etwa 3000 Jahre v. Chr. mit dem Thiniten-König Aha, der das Reich am Nil einigt. Memphis wird Verwaltungs- und Regierungssitz. Die Stammesverbände verlieren in der Folgezeit ihre Unabhängigkeit. Bis zum Ende der 1. Dynastie um 2780 v. Chr. hat sich der ägyptische Staat konsolidiert.
Abydos, Hierakonpolis, Buto und Sais mit ihren vordynastischen Kultstätten sind die geistigen Zentren Ägyptens, dessen Einfluß sich bis auf Nubiens Norden zwischen Gebel es-Silsile und dem Wadi Halfa erstreckt. Die Nomaden werden aus der Ostwüste und vom Sinai vertrieben.
Das alte Reich - Pyramidenzeit (ca.2635-2135 v.Chr.)
König Djoser (3. Dynastie) erichtet in Sakkara die Stufenmastaba, den ersten Monumentalbau der Erde. Der absolute Königstaat wird in Ägypten verwirklicht. Im Laufe der Jahrhunerte entstehen weitere Pyramiden: in Dahschur und die berümten Pyramiden von Gizeh, die Cheops, Chefren und Mykerinos unsterblichen Ruhm sichern. Als erster Pharao läßt Unas seine Grabkammer in Sakkara mit religiösen Schriften verzieren, den "Pyramidentexten". Das Wort Pharao leitet sich von Per-aa (= Großes Haus), einer altägyptischen Bezeichnung für den König ab.
Der Reichtum Äyptens ist rießig: Gold aus den Kolonien Sudan und Nubien, Kupfer und Türkis aus dem Sinai und aus Byblos an der Küste des Libanon gelangen Schiffsladungen von Zedernholz nach Ägypten. Aus den Steinbrüchen Ägyptens wird für die Bauprojekte des Pharaos Material gewonnen. Alle Gebäude - einschließlich der Paläste - werden aus Lehmziegeln gebaut. Nur die Gräber und Totentempel werden aus dauerhaftem Stein errichtet.
Am Ende der Epoche befreit sich Nubien von der ägyptischen Herrschaft. Unruhen und Hungersnöte führen zum Zusammenbruch des Alten Reiches
Erste Zwischenzeit (ca.2135-2040 v.Chr.)
Die Fülle der Varantwortung wird zu groß für eine Person, so daß der Pharao beginnt, seine Aufgaben zu verteilen. Die unangefochtene Zentralgewalt wird dadurch geschwächt und Ägypten zerfällt in kleinere Fürstentümer. Theben und Herakleopolis gelangen zu besonderem Einfluß. Den Herakleopoliten gelingt es, das vorübergehend abtrünnige Deltagebiet wieder unter Kontrolle zu bringen. Im Bürgerkrieg mit Herakleopolis siegen die Thebaner.
Mittleres Reich (ca.2040-1650 v. Chr.)
Dem Thebaner Mentuhotep I. gelingt es das gespaltene Reich wieder zu vereinigen. Itschtawi (Memphis) wird Residenz- und Regierungsstadt. Theben behält eine Sonderstellung als Kultort des Amun-Re, der zum "König der Götter" aufsteigt. Die Ostgrenze wird stabilisiert, Nubien bis Wawat zurückerobert und im Gebiet des heutigen Suezkanals wird eine Festung gebaut, die mit einem schiffbaren Kanal (durch Wadi Tmilat) erreichbar wird.
Die Ägypter erweitern ihr Einflußgebiet mit Feldzügen gegen die Beduinen, Südpalästina, Libyen und Unternubien. Sesostris III. dehnt die Südgrenze bis Semna im Sudan aus. Der Handel mit Kreta und Zypern blüht auf und in Kerma ensteht eine Handelsfaktorei. Ägypten erreicht seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt. Der wachsende Wohlstand spiegelt sich auch in den reichen Grabausstattungen wieder. Aber um 1690 v. Chr. enden Thronstreitigkeiten mit der Auflösung des Einheitsstaates.
Zweite Zwischenzeit - Hypsosherrschaft (ca.1650-1539 v. Chr.)
Aus Asien fallen die Hyksos (Heqa chasut = "Herrscher des Fremdlandes") in das Ostdelta ein und gründen in Auraris ihre Residenz. Zur gleichen Zeit herrscht Seqenenre Tao (17. Dynastie) von Assuan bis Assiut. Er und seine Nachfolger vertreiben die Hyksos bis weit hinter Palästina. Das Reich ist wieder vereint. Die Hyksos hatten aber die ägyptische Kultur um einen Faktor wesentlich bereichert: Sie hatten Pferd und Streitwagen in das Reich am Nil gebracht.
Neues Reich (ca.1539-1080 v. Chr.)
Über Phönizien führt ein Seehandelsweg nach Kreta und zu den Ägäis-Anreinern. Memphis wird neben Theben zweite Landeshauptstadt, zahlreiche Tempelbauten und das Tal der Könige enstehen und Thutmosis I. vergrößert das ägyptische Reich bis zum Euphrat.
Seine Tochter Hatschepsut hindert zunächst ihren Neffen Thutmosis III. an der Thronbesteigung und herrscht in einer Epoche friedlicher Weiterentwicklung von Kunst und Handel. Später unterwirft Thutmosis III. in 17 Feldzügen weite Gebiete Vorderasiens und Nubiens. Unermeßliche Reichtümer gelangen nach Theben. Thutmosis IV. betreibt friedliche Großmachtpolitik. Durch seine Ehe schließt er Frieden mit dem rivalisierenden Reich von Mitanni. Unter Amenophis III. zeigt sich Ägypten als Wohlstandsgesellschaft mit allem verfügbarem Luxus und Pomp. Zu Ehren des Amun werden die gewaltigen Tempel von Luxor und Karnak erweitert. Die Priester gewinnen zunehmend an Macht.
Amenophis IV. ändert seinen Namen in Echnaton. Er läßt für seinen Gott Aton ein Heiligtum errichten und zwingt von Amarna aus dem Land den Monoteismus des Aton-Glaubens auf. Unter
dem "Ketzerkönig" Echnaton und dessen Frau Nofretete kommt es zum erneuten Niedergang des Reiches. Sein Neffe Tutenchamun, der sehr jung stirbt, setzt die alten Götter wieder ein und sein Erzieher Haremhab und später Sethos I. stellen um 1300 v. Chr. die alten Machtverhältnisse wieder her.
Ramses II. profiliert sich zum bedeutensten aller Pharaonen. Die Ramsesstadt im Ostdelta wird neue Residenz. Ramses II. läßt in seiner 66järigen Regierungszeit im ganzen Land an Tempeln Erweiterungen und Umbauten durchführen. Seine berümtesten Tempel stehen in Abu Simbel. Unter Ramses III. erlebt Ägypten die letzte Blütezeit.
Dritte Zwischenzeit (ca.1080-713 v. Chr.)
Das Reich versinkt im Chaos: Palästina, Syrien und Nubien gehen verloren. Die Priester errichten den Gotteststaat des Amun und in Unterägypten (Tanis) bilden die Pharaonen ein zweites Machtzentrum. Um 946 v. Chr. ergreifen libysche Söldnerführer die Macht. Um 740 v. Chr. regieren die libyschen Stadtfürsten von Sais.
Spätzeit (ca.713-332 v. Chr.)
Von Nubien dehnen die Kutschiten ihre MAcht bis nach Memphis aus. Ihre Herrschaft wird 664 v. Chr. von den Saiten gebrochen. Der Perserkönig Dareius I. läßt einen Kanal zwischen Nil und Rotem Meer fertigstellen.
Unter Amyrtaios aus Sais vertreiben die Ägypter die Perser. Die letzte ägyptische Dynastie beginnt. Um 340 v. Chr. jedoch kehren die Perser unter Artaxerxes III für wenige Jahre zurück. 332 v. Chr. erreicht der Makedone Alexander der Große Ägypten und besiegt die Perser. Die griechische Zeit hat begonnen.
Griechische Zeit (332-30 v. Chr.)
Nach dem Tod Alexanders übernimmt Ptolemäos I. die Macht am Nil. Alexandria wird zur Hauptstadt. Die Ptolemäer setzen den ägyptischen Staatskult fort und werden als Pharaonen anerkannt. Die letzten großen Tempel entstehen: Edfu, Philae, Dendera und Kom Ombo.
Im Jahre 47 v. Chr. landet Cäsar in Ägypten und macht Königin Kleopatra zu seiner Geliebten. Nach Cäsars Ermordung geht sie 41 v. Chr. eine Verbindung mit Marcus Antonius ein, der den Ostteil des Römischen Reiches beherrscht. Mit dessen Hilfe will Kleopatra ein Großreich schaffen. Der römische Senat erklärt Marcus Antonius zum Staatsfeind. Octavian zieht gegen ihn zu Felde und nach der entscheidenden Schlacht bei Actium (31 v. Chr.) nehmen sich Marcus Antonius und Kleopatra das Leben. Ägypten wird römische Provinz.
Die Römer achten die ägpytische Kultur und regieren als Pharaonen in dem Reich am Nil. Auch sie bauen ihre Paläste und Tempel im typischen Landesstil. Aber im Laufe der Jahre geht die ägyptische Kultur völlig verloren. Besonders mit der Verbreitung des Christentums wurde die altägyptische Religion verdrängt und Ägypten wird zum ersten christlichen Land mit zahlreichen Einsiedeleien und Klöstern. Die Tempel werden geschlossen und die alten Traditionen verblassen. Nach der Teilung des Römischen Reiches (395 n. Chr.) fällt Ägypten an Ostrom.
Byzantinische Zeit - Mittelalter - Kalifenherrschaft (395 - 1798)
Im Jahre619 erobern die Neuperser das Land, 640 folgen muslimische Araber. Ägypten wird Provinz des Kalifenreiches. Gründung Alt-Kairos. Dynastien der Tuluniden ab 868, Ichschididen ab 935 und der Fatimiden ab 969. Kairo wird Kalifensitz und durch den Bau der El-Ashar-Moschee und -Universität zum Zentrum des sunnitischen Islams.
Saladin, Begründer der Aijubiden-Dynastie entthront 1171 den letzten Fatimiden. 1250 ermorden die aus dem Kaukasus stammenden Mameluken den letzten ägyptischen Aijubiden. Es folgen Jahrhunderte blutiger Machtkämpfe während der türkischen Oberhohheit. Als Napoleon nach Ägypten kommt, ist die politische Lage völlig instabil.
Neuere Zeit (1798-1952)
Mohammed Ali wird 1805 türkischer Stadthalter. Mit Hilfe europäischer Experten versucht er Ägypten zu modernisieren - zu einer Zeit als auch in Deutschland die Industrialisierung erst begonnen hatte. Der Beginn war erfolgreich: Landverteilung an die Fellachen, der Ausbau des Bewässerungssystems und ein staatliches Handelsmonopol schaffen Vorraussetzungen für den Anbau und Export der langfaserigen Baumwolle. Die stark gestiegenen Staatseinnahmen ermöglichen den Aufbau einer Industrie. Den Erfolg dieser Politik verkörpert am deutlichsten die Armee, die das osmanische Heer zweimal vernichtend schlägt, ehe sie auf Druck mehrerer europäischer Mächte nach 1841 drastisch verkleinert werden muß. Mohammed Ali verliert daraufhin auch das Interesse an den Projekten, die vor allem dem Aufbau der Armee gedient haben. Die erste Industrialisierung mißlang.
Erst unter seinem Enkel Ismail gibt es ab 1863 einen neuen Anlauf zu einer eigenständigen Entwicklung, als Ägypten während des amerikanischen Bürgerkrieges einen Baumwollboom erlebt. In den folgenden Jahren werden 13500 km Bewässerungskanäle, 1460 km Eisenbahn- und 8000 km Telegraphenlinien gebaut. Die Eröffnung des Suez-Kanals 1869 ist ein Höhepunkt von Ismails Regierungszeit. Im Laufe der Jahre wird aber Ägypten verschuldet und muß schließlich 1876 eine britisch-französiche Finanzkontrolle aktzeptieren. 1882 nutzt England eine Militärrevolte als Vorwand, um Ägypten zum Schutz europäischer Interessen "vorrübergehend" zu besetzen.
Ägypten wird offizielles Protektorat von 1914 bis 1922, dann parlamentarische Monarchie unter Fuad I. Erst unter König Faruk verlassen die Engländer 1936 Ägypten - der Suezkanal aber bleibt britisch. Zu Beginn des 2. Weltkrieges wird Ägypten de facto wieder britisches Protektorat. 1945 wird die Arabische Liga in Kairo gegründet. 1948 liegt das Land im Krieg mit Israel.
Republik (seit 1953)
Nach einem Militärputsch wird Nasser 1953 Staatspräsident der Republik. Er entwirft den "Arabischen Sozialismus": Beseitigung des Analphabetentums, Förderung der Landwirtschaft und Industrie (1971 Assuan-Staudamm) und Verstaatlichung des Suezkanals (1956). Israel besetzt daraufhin, sowie während des Sechstagekrieges (1967), den Sinai und hält die Halbinsel während des Yom-Kippur-Krieges (1973). Nassers Nachfolger Sadat (1970-1981) schließt 1979 mit Israel Frieden, was Ägypten im arabischen Lager isoliert. 1981 wird Sadat ermordet. Unter Mubarak erfolgt die Rückgabe des Sinai (1982) und die Rückkehr des Sitzes der Arabischen Liga nach Kairo (1990). 1993 nehmen die Konflikte mit religiösen Extremisten zu und der Grenzstreit mit dem Sudan um das erdölhaltige Halaib gibt keine Ruhe.